Auf was hoffen wir? Was gibt uns denn noch Gewissheit, wenn alles zerbricht?
Ich hoffte, ja ich hoffte auf den Herrn. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien.
Er zog mich herauf aus der Grube des Grauens, aus Schlamm und Morast.
Er stellte meine Füße auf den Fels, machte fest meine Schritte.
Er legte mir ein neues Lied in den Mund, einen Lobgesang auf ihn, unsern Gott.
Viele werden es sehen, sich in Ehrfurcht neigen und auf den Herrn vertrauen. Psalm 40, 2-4
Sie sitzt in einem der Gänge, die es überall gibt. Linoleumboden, Neonröhren an der Decke. Die Bilder an den Wänden waren schon in der Zeit, als sie gedruckt wurden, veraltet. Sie schaut auf den Boden und dann den Gang entlang. Links, rechts, links ... nichts. „Der Geruch des Desinfektionsmittels ist auch hier allgegenwärtig“, denkt sie. Er folgt ihr, seitdem sie zum ersten Mal hier war.
Seitdem ist es bei ihr. Tag und Nacht. Als würde es ihr unsichtbar von selbst folgen und alles, was nicht da sein sollte, unschädlich machen. „Wenn es nur so einfach wäre“, denkt sie.
In der Ecke blubbert ein Aquarium. Die Fische schwimmen in ihren vier Glaswänden
vor sich hin. Sie nimmt einen Schluck Kaffee. Kalt, schwarz, bitter. Tränen laufen ihre Wangen herab. Die Zeit der Idylle ist vorbei. Fallen, Stürzen Versinken. Ihre Seele an einem Seidenfaden über einer schwarzen, bodenlosen Tiefe. Selbst am Morgen kann sie das Grauen kaum noch abwerfen. Sie wünscht sich so sehr, dass es endlich mal aufhört, dass nun Gewissheit herrscht, dass klar ist, wohin es gehen soll. Aber das Leben zerrinnt langsam, sehr langsam trocknet es aus.
Eine Schwester kommt vorbei wie ein weißer Wirbelwind. Sie öffnet die Türe und in der Ferne hört man ein Radio. Sie kennt die Melodie und summt innerlich mit. Turntabelrockers: „Schreib dein Leben auf ein Stück Papier und warte, dass die Zeit vergeht.“ Dann klappt die Türe zu und das Radio verstummt. Die Melodie klingt nach.
Sie nimmt eines ihrer Tagebücher und liest darin. Es waren schwere Tage und Wochen. Sie sieht auf die Uhr: Seit sieben Stunden und 15 Tagen. Das Beten und Singen half sehr in diesen Stunden des Wartens. Sie liest. Nicht, dass ihr Gott früher gleichgültig war – nur ist er seit sieben Stunden und 15 Tagen näher gerückt. Als hätte er den lautlosen Schrei gehört und ist aus seinen himmlischen Höhen herbeigekommen.
Türe auf – Türe zu. Drei Schwestern laufen auf sie zu. Die mittlere lächelt. Sie gehen vorbei.
„Warum“, fragt sie sich so oft, “muss man, wenn man schnell ein Resultat braucht, immer so lange warten?“
Türe auf. Die Ärztin lächelt sie an: „Kommen Sie – wir haben einiges zu besprechen.“
Dr. Gernot Meier Evangelische Landeskirche in Baden